Diclofenac
   Umweltschädigendes Arzneimittel mit schlechtem Nutzen-Risiko-Profil

Diclofenac gehört zu der Gruppe der nicht-steroidalen Antirheumatika, ein Arzneimittelwirkstoff mit entzündungshemmender, schmerzlindernder und fiebersenkender Eigenschaft, welcher als Gel, Injektionen, Tabletten oder Tropfen vorliegt. Das Gel mit dem Wirkstoff Diclofenac zählt zu den am häufigsten verwendeten Schmerzmitteln in der Orthopädie in Deutschland und wird weltweit beworben. Auf die Haut des Schmerzortes aufgetragen wirkt es nachweislich und nur mit geringen systemischen Nebenwirkungen. In der Dermatologie wird Diclofenac zur Therapie von oberflächlichen Hauttumoren, sogenannten Aktinischen Keratosen, verwendet, die durch die lebenslange UV-Bestrahlung auftreten können. Die Inzidenz ist steigend. Diclofenac kann in den meisten Ländern rezeptfrei erworben werden und ist relativ sicher in der Anwendung. In Deutschland liegt der Gesamtverbrauch von Diclofenac bei ca. 85 Tonnen pro Jahr.

Diclofenac schädigt die Fauna

 

Diclofenac wirkt nierentoxisch bei Vögeln. In Indien und Pakistan starben seit den 90iger Jahren bisher drei einheimische Geierarten fast vollständig aus, nachdem die Tiere Diclofenac über das Fleisch verendeter Rinder, welche gegen Rheuma behandelt worden waren, aufgenommen hatten. Bei Fischen werden Leber, Nieren und Kiemen durch Eintrag von Diclofenac durch Abwässer geschädigt. Erschwerend kommt hinzu, dass manche Flohkrebsarten Diclofenac in Diclofenac-Methyl-Ester umwandeln, welches schlecht wasserlöslich ist, schlechter ausgeschieden wird und sich daher in Lebewesen anreichert. Zusätzlich wird der Abbau in Gewässern durch chemische Verbindungen wie Karbonate und Phosphate aus Waschmitteln behindert, die in großen Mengen in Abwässern zu finden sind. Diclofenac kann im Gegensatz zum Beispiel zu Ibuprofen mit den bisher existierenden Möglichkeiten nicht aus dem Abwasser durch Kläranlagen herausgefiltert werden. Das Problem betrifft auch andere Arzneistoffe wie Neuroleptika oder Antibiotika, sodass in Zukunft eine 4. Klärstufe eingeführt werden soll.

Nutzen-Risiko-Profil von Diclofenac fraglich

Unbenommen der Notwendigkeit einer technischen Lösung des Abwasserproblems, muss sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Anwendung sowie des Nutzen-Risiko-Profils von Diclofenac-Topika stellen.

Ärzte und Therapeuten sollten ihre Empfehlung und Verordnung von äußerlich anzuwendendem Diclofenac kritisch hinterfragen und gegebenenfalls Alternativen berücksichtigen. Abgewogen werden sollte insbesondere, dass

  • Diclofenac Gel schlecht über die Haut aufgenommen wird und spätestens beim ersten Waschen 94-99% des Mittels direkt ins Abwasser gelangt,

  • eine Wirksamkeit des schmerzlindernden Gels für andere Gelenkerkrankungen als der Osteoarthritis des Kniegelenkes und rheumatischer Entzündungen der Fingergelenke nicht belegt ist,

  • es Alternativen auf pflanzlicher oder, wenn nicht anders möglich, ibuprofenhaltiger Basis gibt.

Nicht zuletzt muss jetzt die Diskussion aufgenommen werden, ob Medikamente wie Diclofenac oder auch weitere Inhaltsstoffe wie z. B. Triclosan nicht grundsätzlich ärztlich verordneten Indikationen vorbehalten sein sollten, statt in konventionellen Produkten und frei verkäuflichen Arzneien auf dem Markt weltweit Verbreitung zu finden und stark beworben zu werden.

Wasser in verfügbarer und sauberer Menge wird das Problem der Zukunft werden in einer Welt, die von der Erderwärmung durch die Klimakrise geprägt sein wird. Unsere Gesundheit hängt unmittelbar von der Verfügbarkeit von Trinkwasser und nutzbarem Wasser zur Lebensmittelproduktion ab. Die Klimakrise bedroht unsere Gesundheit als größte therapeutische Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Der Mensch ist jedoch verantwortlich für die Schonung der Ressourcen der Erde. Nachhaltiges Arbeiten heißt deshalb nicht nur wirtschaftlich und indikationsgerecht, sondern beinhaltet vor allem auch die Aufklärung der Patienten über die ökologischen Folgen ihrer Therapie und mögliche Alternativen.

 

 

© Dr. med. Gudula Keller, Orthopädin, und Dr. med. Susanne Saha, Dermatologin, 07/2021